Louisiana: Wo Giacometti aufs Meer blickt

Es gibt Museen, die man besucht – und solche, in die man für ein paar Stunden einzieht. Das Louisiana Museum of Modern Art gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Rund 35 Kilometer nördlich von Kopenhagen liegt es in Humlebæk direkt am Öresund.
Am Bahnhof des kleinen Städchens angekommen, geht es zu Fuß durch die ruhigen Straßen eines Wohngebietes. Bis hinter einem beinahe unscheinbaren Eingang eines der schönsten Kunstmuseen Europas beginnt.
Das Louisiana wurde 1958 eröffnet. Seinen Namen verdankt es nicht etwa dem US-Bundesstaat, sondern dem früheren Besitzer des Grundstücks. Er war nacheinander mit drei Frauen verheiratet – und alle hießen Louise.
Eine charmante Erklärung, die kaum dänischer sein könnte: lakonisch, ein wenig eigenwillig und ziemlich elegant.
Genau so wirkt auch das Museum. Niedrige Backsteinbauten, Glasgänge und helle Räume ziehen sich durch einen weitläufigen Garten. Statt eines monumentalen Museumspalasts erlebe ich Architektur, die sich zurücknimmt.
Durch bodentiefe Fenster sehe ich alte Bäume, Skulpturen und immer wieder das Meer. An klaren Tagen reicht der Blick bis zur schwedischen Küste.
Mein Lieblingsraum gehört Alberto Giacometti. Seine schmalen, lang gestreckten Figuren stehen in einer hohen Galerie aus Backstein und Holz. Durch die Fenster fällt weiches Tageslicht, dahinter liegt ein kleiner See. Die berühmten Gestalten wirken zerbrechlich und gleichzeitig erstaunlich präsent.
Manche stehen still, andere scheinen im nächsten Moment loszulaufen. Ich gehe mehrmals um sie herum und entdecke dabei ständig neue Silhouetten. Selten habe ich Giacomettis Figuren so menschlich erlebt: einsam, beharrlich und ein bisschen verloren – aber nie schwach.
Ein vollkommen anderes Gefühl erwartet mich wenige Räume später. Gerhard Richters zehn Meter langes Werk „Strip“ füllt eine Wand fast vollständig aus. Unzählige hauchdünne Farbstreifen ziehen sich horizontal durch den Flur.
Aus der Entfernung wirkt das Bild beinahe ruhig und perfekt geordnet. Sobald ich näher trete, beginnt es jedoch zu flimmern. Farben stoßen aufeinander, verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf.
Das Werk basiert auf einem abstrakten Gemälde Richters aus dem Jahr 1990, das digital zerlegt, gespiegelt und neu zusammengesetzt wurde. Von sichtbaren Pinselstrichen fehlt jede Spur – und trotzdem wirkt die Arbeit nicht kühl.
Für mich erinnert sie an eine riesige Partitur. Oder an eine Landschaft, die bei hoher Geschwindigkeit am Zugfenster vorbeizieht. Der schmale Gang verstärkt diesen Eindruck: Ich kann das Werk nicht mit einem Blick erfassen, sondern muss daran entlanggehen. Die Farben bestimmen mein Tempo.
Zwischen den Ausstellungen lohnt sich der Weg hinaus in den Skulpturenpark. Platische Arbeiten stehen hier zwischen alten Bäumen oder vor der Kulisse des Öresunds.
Ich stelle mir vor, wie sich Joan Mirós Personnage und Max Ernsts Grand génie unterhalten. Auch Werke von Henry Moore, Alexander Calder und Jean Arp schmücken den Garten.
Spätestens auf der Terrasse des Museumscafés wird klar, warum viele Besucher einen ganzen Tag im Louisiana verbringen. Hier gibt es nicht nur Kaffee und Smørrebrød. Die feine Karte kann es mit jedem Restaurant in der Stadt aufnehmen.
Ich schaue über das Wasser und habe das Gefühl, noch immer mitten in einer Ausstellung zu sitzen. Das Louisiana ist für mich mehr als die Summe seiner Kunstwerke. Es ist ein Ort, an dem Räume, Licht und Landschaft genauso wichtig sind wie die Exponate.
Wer Kopenhagen besucht, sollte deshalb einen halben oder besser einen ganzen Tag für Humlebæk reservieren. Allein für Giacomettis stille Gestalten und Richters rauschende Farbwand lohnt sich die Fahrt.