Diese Tiere sehen Sie beim Wandern in den Alpen

Tiere in der Natur zu beobachten, ist für mich wie Meditation. Innehalten, ruhig atmen, die Außenwelt für einen kurzen Moment ausschalten. Ob kreisende Steinadler, freche Dohlen, zierliche Alpensalamander oder majestätische Steinböcke: Beim Wandern in den Alpen können viele tierische Bewohner Ihren Weg kreuzen.
Murmeltiere – die niedlichen Nager
Oberhalb des Ortes Saas-Fee am Spielboden fühlt sich ein besonders niedliches Nagetier wohl: das Murmeltier. Die Kolonie nahe dem Schweizer Bergdorf gilt als zutraulichste ihrer Art im Alpenraum. Die Tierchen sind so zahm und neugierig, dass Besucher sie sogar mit Karotten füttern und streicheln. Ganz mutige Gesellen klettern teils auf Schuhe und Beine. Auf 2450 Metern rund um den Murmeliweg lassen sich die Nager vor dem eindrucksvollen Panorama des Feegletschers und einiger 4000er ablichten. Die Murmeltiere sind an Menschen gewöhnt und haben inzwischen ein gutes Näschen für die richtigen Posen beim Fotografieren entwickelt. Die possierlichen Fotomodelle sind von Mai bis Oktober in den Bergwiesen unterwegs. Danach ziehen sie sich für den Winterschlaf in ihre Höhlen zurück. Teilweise bis zu acht Monate.
Steinböcke – die majestätischen Meister der Berghänge
Mächtige Hörner, eine breite Brust und stolzer Blick: Steinböcke wirken in den Berghängen der Alpen fast majestätisch. Das Schweizer Kanton Graubünden trägt die Tiere nicht ohne Grund auf seinem Wappen. Rund um den Ort Pontresina lebt die größte Kolonie im Alpenraum. Etwa 1800 Tiere bevölkern die Hänge der Alp Languard und des Piz Albris. Die Geschichte dieser Kolonie ist bemerkenswert: Der Alpensteinbock war im 19. Jahrhundert in der Schweiz nahezu ausgerottet. Erst durch Wiederansiedlungsprojekte in den 1920er-Jahren konnte sich die Population rund um Pontresina etablieren. Ausgewachsene Männchen können über 100 Kilogramm wiegen und Hörner von bis zu 1 Meter tragen. Dennoch gelten die Tiere als friedlich und meiden den engen Kontakt zu Menschen in der Regel. Besonders gut lassen sich die Steinböcke im Frühjahr ablichten: Während in den höheren Lagen noch meterhoch Schnee liegt, werden die tiefer gelegenen Wiesen rund um Pontresina bereits grün. Ganze Herden steigen aus den Felsen bis an den Dorfrand hinunter, um die ersten frischen Gräser zu fressen. Im Sommer braucht man für Bilder ein gutes Teleobjektiv: Zu dieser Zeit halten sich die Tiere zumeist auf steilen Felsbändern und in Geröllhängen auf.
Gämse – die agilen Akrobaten
Oft werden Gämse fälschlicherweise für weibliche Steinböcke gehalten. Tatsächlich sind es jedoch zwei unterschiedliche Arten. Beide gehören zwar zur Familie der Hornträger, sind aber eher entfernte „Cousins“. Gämse sind deutlich kleiner und leichter als Steinböcke, haben kürzere Hörner und sind schneller und wendiger in den Bergen unterwegs. Auch verbringen Gämse ihre Zeit gerne in alpinen Wäldern. Eines der besten Reviere zur Gamsbeobachtung liegt in der nördlichen Steiermark rund um die Hochschwabgruppe. Mehrere tausend Tiere fühlen sich in dem Kalksteinmassiv wohl. Das Hochplateau mit Felswänden, Feldern von Latschenkiefern und wenig Siedlungen bietet ideale Lebensbedingungen für die agilen Akrobaten. Durch die verwitterten Karstlandschaften in diesem Gebiet existieren viele schwer zugängliche Felsbereiche. Für die Gämse wie ein sicherer Hafen im Hochgebirge.
Alpendohlen – die frechen Flugkünstler
Starke Winde, schnelle Wetterwechsel: Vögel haben es in den höheren Bereichen der Alpen nicht immer leicht, auf Kurs zu bleiben. Ein echter Künstler der Lüfte ist die Alpendohle. Auf den ersten Blick erinnert sie an einen kleinen, eleganten Raben mit auffallend gelbem Schnabel. Dass die Vögel es faustdick hinter den Flügeln haben, konnte ich selbst schon mehrfach erleben: Einmal ließ ich auf einem Gipfel in Tirol mein Käsebrot unbeaufsichtigt liegen, schon hatte sich eine Dohle ein Stück herausgepickt. Schließlich ist ein Brot leichtere Beute als flinke Heuschrecken oder andere Insekten. Doch statt mit dem Stück Brot abzuhauen, setzte sie sich ganz entspannt auf meinen Bergschuh und verspeiste ihre Beute. So frech, dass es fast wieder niedlich ist: Das wäre meine Beschreibung der Alpendohle.
Steinadler – die scharfsinnigen Segler
Außergewöhnlich scharfe Augen, meisterhafter Segelflug, perfekte Anpassung an die Alpen: Der Steinadler gilt als „König der Lüfte“. Wurde er früher fast bis zur Ausrottung bejagt, haben sich die Bestände heute wieder erholt. Mehrere tausend Paare leben in den felsigen Hochlagen der Alpen. Besonders gute Chancen auf Sichtungen bestehen im Karwendelgebirge und im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich. Hier finden die Tiere nicht nur ausreichend Nahrung, sondern in den steilen Felswänden auch die richtigen Brutbedingungen. Steinadler können über 20 Jahre alt werden und gelten als sehr reviertreu. Am besten lassen sich die Beutegreifer an sonnigen Vormittagen mit guter Thermik beobachten. Mit teils über 2 Metern Flügelspannweite sind die majestätischen Segler am Himmel kaum zu übersehen. Ein Fernglas oder ein gutes Teleobjektiv sind dennoch zu empfehlen.
Salamander – die Freunde der Feuchtigkeit
Wir Menschen haben bei Regen oft schlechte Laune. Salamander hingegen blühen bei feuchtem Wetter regelrecht auf. Dann wagen sich die kleinen Lurche aus ihren Unterschlüpfen im Moos und unter Steinen hervor. Besonders farbenfroh ist der Feuersalamander mit seinen gelben Punkten auf schwarzem Untergrund. Ich freue mich immer sehr, wenn ich beim Wandern einen der kleinen Lurche beobachten kann. Für mich wirkt es fast so, als hätten die kleinen Kerlchen stets etwas Freundliches in ihrem Blick. Anfassen sollte man die Tiere aber besser nicht: Zum einen ist eine menschliche Berührung problematisch für ihre sensible Haut, zum anderen kann das giftige Sekret Augen und Mund reizen.
Wie ein abgewaschener Feuersalamander wirkt der Alpensalamander. Ihm fehlen die gelben Punkte auf der Haut vollständig. Doch das giftige Sekret produziert der schwarze Bruder des Feuersalamanders trotzdem. Höher gelegene Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit, Nebel und viel Jahresniederschlag sind für Salamander enorm wichtig. Deshalb sind sie auch nur bei entsprechender Witterung anzutreffen. Dann sogar häufiger. Die besten Chancen bestehen in moosigen Alpenwäldern frühmorgens nach warmem Sommerregen.