Ein ewiges Auf und Ab – Meine Alpenüberquerung mit dem Rad

27.04.2017

Schon seit langem träumte ich davon, einmal die Alpen zu überqueren. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit meiner eigenen Muskelkraft. Die Wahl stand also zwischen einer Radtour oder per Pedes. Nach langem überlegen entschied ich mich, meine erste Alpenüberquerung mit dem Mountainbike zu machen, da ich mir das einfacher vorstellte. Ob es das war, sei mal dahingestellt (Da ich noch nicht zu Fuß unterwegs war, fehlen mir aktuell noch die Vergleichsstudien, aber ich werde Sie auf dem Laufenden halten).

Die Tour war schnell gefunden. Ich schloss mich einer Gruppe an, die von Salzburg aus in das slowenische Örtchen Bled radeln wollte. Eine mittelleichte Tour sollte es sein, mit ein paar anspruchsvollen Passagen. Genau das richtige für mich Gelegenheitsradler, dachte ich mir. Also packte ich meinen Rucksack, übergab mein Gepäck dem Fahrer (für den Gepäcktransport war Gott sei Dank gesorgt) und schwang mich auf meinen Drahtesel. Was mich unterwegs erwartete und wie sich ein Hintern nach mehreren Tagen im Sattel anfühlt, will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Tag 1: Von Salzburg nach St. Johann im Pongau (Strecke: 65 km, 330 hm↑, 550 hm↓)

Voll motiviert treffen wir uns alle in Salzburg. Ein munteres Trüppchen von sechs Personen stellt sich der Herausforderung Alpen. Und mich beschleicht schon am Anfang das Gefühl: Ich bin schlecht vorbereitet... Ausgestattet mit GPS, modernsten Mountainbikes, den Rucksack voll mit Wechselklamotten und mehreren Wasserflaschen in Reserve warten meine Mitstreiter am Mozartplatz in Salzburg auf mich. Dann wird gefachsimpelt, wie lang sich jeder einzelne auf die Tour vorbereitet hat. Kleinlaut muss ich gestehen, dass ich in dieser Saison das erste mal im Sattel sitze. "Keine Sorge", heißt es da, "bis jetzt haben wir noch jeden über die Alpen bekommen." Na, das beruhigt mich ja ungemein!

 

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Gemütlich starten wir unsere Tour entlang der Salzach. Es geht relativ lang gemächlich geradeaus, und das ist auch gut so, denn die Sonne brennt erbarmungslos auf uns herunter. Da freut man sich über jeden Baum, der für einige Sekunden lang Schatten spendet. Und von Kilometer zu Kilometer wird der Gedanke verlockender, sich in die Fluten der Salzach zu stürzen. Immer wieder führt der Weg etwas weg vom kühlenden Fluss und dann geht es zum Teil stückchenweise steil bergauf. Aber noch sind die Muskeln motiviert und die Steigungen ohne Probleme zu meistern.

Den ersten Stopp legen wir in Hallein ein. Das niedliche Städtchen war im Mittelalter eine Hochburg des Salzhandels. Seither hat sich hier nicht viel verändert, die Ortsmitte hat sich ihren historischen Charme erhalten. Und was ich an diesen mittelalterlichen Städten besonders liebe, sind ihre kleinen Gässchen, die im Sommer herrlich kühl sind.

Nach der kurzen Rast folgen einige kurze, aber gemeine Anstiege. Entschädigt wird man dafür aber jedesmal mit einem tollen Blick über das Salzachtal. Nach dem Pass Luegg, der sich etwa einen Kilometer lang 70 Meter in die Höhe zieht, eröffnet sich uns ein toller Blick auf den Fluss. Links und Rechts ragen majestätisch die Berge auf und man sieht förmlich, wie sich die Salzach über Jahrtausende ihr Bett gegraben hat.

 

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Der Radweg verläuft nun zum großen Teil entlang einer Bundesstraße, der Verkehr hält sich aber in Grenzen. Unsere Etappe führt uns immer weiter Flussaufwärts durch Werfen mit seiner malerischen Burg und Bischofshofen, wo noch ein kleiner Stopp an der Skiflugschanze eingelegt wird. Die letzten Kilometer bis zu unserem heutigen Ziel ziehen sich dann doch etwas, vor allem weil keine schattenspendenden Bäume mehr den Weg säumen. Als wir endlich das Ortsschild St. Johann passieren, ist die Erleichterung groß. Bis wir uns schlau machen, wo genau das Hotel ist: Natürlich liegt es auf einer Anhöhe und wir müssen nochmal ordentlich in die Pedale treten, bis wir das Ziel endlich erreicht haben. Aber dann endlich erwartet uns eine kühle Dusche und ein weiches Bett.

Tag 2: Von St. Johann nach Bad Gastein (Strecke: 40 km, 670 hm↑, 230 hm↓)

In der Nacht hat ein Gewitter für Abkühlung gesorgt, jetzt allerdings drückt die Luft schon wieder. Lichtblick: Die heutige Tour ist die kürzeste auf unserer Reise. Knapp 40 Kilometer sind es bis zum Ziel. Die allerdings haben es in Sich mit zahlreichen zapfigen Anstiegen. Aber erst einmal geht es bergab. Und das ist auch gut so. Denn nicht nur der Hintern schmerzt wie Hölle, auch die Waden machen sich bemerkbar. Aber: Obwohl der Rest meiner Gruppe trainiert hat, geht es ihnen nicht anders. Das macht mich ein klein wenig Stolz...

Die erholsame Passage weilt aber leider nur kurz. Schon nach wenigen Kilometern erwartet uns ein höllischer Anstieg: Mit bis zu 14 Prozent Steigung geht es zwei Kilometer hinauf von Schwarzach aus bis nach Oberuntersberg. Oben angekommen, eröffnet sich ein phänomenaler Blick über das Tal. Der Weg führt nun in einem stetigen Auf und Ab weiter durch die idyllischste Berglandschaft, die ich je gesehen habe. Und irgendwann hab ich den Dreh raus, wie ich bergab so effektiv beschleunigen kann, damit ich den nächsten Anstieg zumindest bis zur Hälfte quasi hoch rolle. Was macht man nicht alles für die geschundenen Beinchen!

Nach einigen Kilometern nähern wir uns wieder der Zivilisation und erreichen eine Bundesstraße. Der Weg führt und in Klammtunnel. Nur eine kleine Betonmauer trennt den Radweg von der Autospur und der Lärm im Tunnel ist ohrenbetäubend. 1,5 Kilometer lang zieht sich die Röhre und ich war noch nie so froh, endlich wieder Frischluft zu atmen. Auf der anderen Seite des Tunnels ist von dem Verkehr nichts mehr zu spüren. Woher die ganzen Autos kamen, die uns im Inneren begegnet sind, ist mir nach wie vor ein Rätsel.

Vor uns eröffnet sich jetzt das Gasteiner Tal. Links und Rechts ragen die majestätischen Berge auf und hoch oben auf den Gipfeln liegt anscheinend noch allerlei Schnee (obwohl wir Sommer haben). Wir liegen gut in der Zeit und so können wir das Tempo etwas reduzieren und die herrliche Landschaft auf uns wirken lassen. In Bad Hofgastein legen wir eine Rast ein und stärken uns für die letzte Etappe. Denn wie ich vernommen habe, erwarten uns noch einige Höhenmeter bis zu unserem Hotel in Bad Gastein.

 

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Schleichend in die Höhe zieht sich der Weg bis ins Bergdorf. Und je näher wir dem heutigen Ziel kommen, desto größer wird mein Kloß im Hals: Die Häuser scheinen förmlich im Fels zu kleben, eine Straße kann ich gar nicht ausmachen. Herrje, bitte lass unser Hotel ganz unten im Tal sein! Meine Gebete werden nicht erhöhrt. "Seht ihr das rosa Haus dort oben in der letzten Reihe? Da müssen wir hin!" Ich hab es geahnt. Am Fuße des Berges steht schon unheilvoll ein Schild, dass auf die Steigung hinweist: 15 Prozent, na toll! Hatte ich schon erwähnt, dass auch heute wieder mehr als 30 Grad auf dem Thermometer stehen?

Aber es hilft ja nichts, Augen zu und durch. Ich schalte in den kleinsten Gang und kämpfe mich Zentimeter für Zentimeter dem Ziel entgegen. Leider bleibt nicht viel Zeit, sich an der Aussicht zu erfreuen, die sich einem bietet. Aber im Hotel angekommen, hat man dazu ja noch genug Gelegenheit. Eine knappe halbe Stunde brauchen wir für die restlichen drei Kilometer zum Hotel, eine Tragepassage inklusive.

 

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Nach einer kurzen Erfrischung geht es auf Entdeckertour durch Bad Gastein. Es mutet fast wie eine Geisterstadt an mit den halb verfallenen Grandhotels in der Innenstadt. Schwach kann man noch erahnen, welcher Glanz das Bergdorf einst umgeben hat. Und noch heute hat dieser Ort etwas magisches. Vor allem wenn man auf der Brücke über dem gigantischen Wasserfall steht. Zur Jahrhundertwende kamen hier hochkarätige Gäste auf Kur, um etwas von der heilenden Wirkung des Wassers abzubekommen. Und tatsächlich: Nach nur fünf Minuten, in denen man die frische, mit feinen Wasserpartikeln des rauschenden Wasserfalls angereicherten Luft einatmet, fühl man sich wie neugeboren.

 

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Tag 3: Von Bad Gastein nach Villach (110 km, 180 hm↑, 890 hm↓)

Nach zwei Tagen der Schinderei bergauf und einer erholsamen Nacht im Kurort Bad Gastein freu ich mich tierisch auf die heutige Etappe. Denn es geht die meiste Zeit bergab. Dafür geht es dann laaaaang geradeaus. Etwas über 100 Kilometer sind es bis nach Villach. Aber erst kommt die entspannendste Passage: Kurz hinter Gastein erreichen wir Böckstein und nutzen hier die Tauernschleuse. Mit dem Zug geht es jetzt 12 Kilometer durch den Berg. Der Gedanke daran, das Massiv mit dem Rad überqueren zu müssen, lässt mich spontan ein Lobgebet auf die Technik ausbringen.

In Mallnitz ist dann Endstation und jetzt kommt einer der schönsten (weil entspannendsten) Abschnitte der Route: Fünf Kilometer geht es nun bergab, mit einem Gefälle von teilweise 12 Prozent. Meine Bremsen glühen beinahe und der Tacho zeigt trotzdem knapp 60km/h an, herrlich! Unten breitet sich das lange Mölltal vor uns aus, auf beiden Seiten von imposanten 3000ern eingerahmt. Gemütlich geht es jetzt auf asphaltierten Radwegen entlang des Flusses, hindurch durch malerische Kärntner Ortschaften.

 

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Fast unbemerkt geht die Landschaft über ins Drautal, ich weiß gar nicht, wann wir die Flüsse gewechselt haben. Jetzt folgen wir der Drau, die sich herrlich Wild durch die Landschaft schlängelt.

 

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Mittagspause gibt es in Spittal. Das traumhafte Renaissance-Schloss lädt zum Mittagstisch ein, das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und wir genießen einfach den fast schon südländischen Flair der Stadt.

Anschließend geht der Weg relativ unspektakulär weiter. Was allerdings zur Folge hat, das sich jeder Kilometer fast schon quälend zieht. Man merkt jeden Tritt in den Waden, von den Schmerzen im Hinterteil ganz zu schweigen! Da helfen auch die übereinander gezogenen Radlhosen jetzt nicht mehr.

Schließlich erreichen wir doch Villach, relativ spät. Es beginnt bereits zu dämmern, aber über 100 Kilometer brauchen ihre Zeit. Da bleibt kaum mehr genug Energie, sich das schöne Örtchen genauer anzuschauen, aber doch der feste Vorsatz, einmal zurück zu kommen und etwas mehr Zeit hier zu verbringen. Denn der erste Eindruck ist schon traumhaft mit den kleinen Gässchen, den bunten Häusern und dem mediterranen Klima.

 

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Tag 4: Von Villach nach Bled (60 km, 700 hm↑, 500 hm↓)

Der letzte Tag unserer Alpenüberquerung steht an und wir haben noch einen Gebirgspass zu bezwingen: Die Karawanken liegen noch zwischen uns und unserem Ziel. Und der kürzeste Weg führt über den Wurzenpass.

Unheilvolle schwarze Wolken haben sich über Nacht gebildet und Regen ist vorprogrammiert. Aber nach der Hitze der letzten Tage sehnen wir uns alle nach einem kühleren Tag. Also besteigen wir frohgemut unsere Drahtesel und starten der letzten Etappe entgegen. Gleich hinter Villach erwartet uns der anstrengendste Teil des heutigen Tages. 570 Höhenmeter gilt es auf einer Strecke von 7 Kilometern zu überwinden, an der steilsten Stelle hat der Pass eine Steigung von 18 Prozent. Aber schon unten beginnt es knackig. In Serpentinen schlängelt sich die enge Straße nach oben, Meter für Meter kämpfen wir uns hoch. Und plötzlich ist es da, das angsteinflößende Schild, dass auf die enorme Steigung aufmerksam macht. Und hinter der nächsten Kurve erblicke ich es dann: Eine regelrechte Rampe führt steil bergauf, knapp einen Kilometer lang. Ich beiße die Zähne zusammen, aber nach knapp 200 Metern muss ich kapitulieren und mein Rad die restliche Strecke hoch schieben. Aber ich bin nicht die einzige, auch alle anderen steigen ab.

 

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Am Scheitelpunkt angekommen gäbe es ein Museum zu besichtigen. Richtig Lust und Energie hat aber keiner von uns. Wir freuen uns eigentlich nur auf die Abfahrt. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen, wir wollen nur so schnell wie möglich ins Trockene. Also sitzen wir so schnell wie möglich wieder auf und treten das letzte Teilstück an. So sehr wir uns auch auf eine entspannte Talfahrt gefreut hatten, führt der Weg noch ein weiteres Stück bergauf. Nochmal 18 Prozent, dieses mal siegt aber der Ehrgeiz und wir alle schaffen es (gut, es sind auch nur knapp 250 Meter).

 

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Schließlich geht es rasant bergab, das Regenwasser spritzt uns ins Gesicht, aber es macht tierisch Spaß. Der Weg führt uns durch das slowenische Dorf Kranjska Gora und dann weiter in ein Waldstück. Es folgen noch mehrere steile Passagen, aber wir ertragen das alles mit stoischer Gelassenheit, das Ziel immer fest im Blick. Der Regen hat den Boden mittlerweile stark aufgeweicht, überall sind Pfützen. Und wie herrlich es ist, in jede einzelne von ihnen direkt rein zu fahren!

Vollkommen verdreckt, erschöpft aber überglücklich kommen wir schließlich in Bled an. Und siehe da, der Wettergott hat ein einsehen mit uns und die Sonne kämpft sich durch die Wolken. Und das gibt ein mystisches Bild: Geheimnisvoll steigt der Nebel aus dem See auf und umgibt die Burg auf der kleinen Insel mitten im See mit einer gespenstischen Aura. Die Strapazen haben sich gelohnt.

Nachdem man uns im Hotel erst mal mit einem Schlauch vom Schlamm befreit hat und wir auf den Zimmer sind, realisiere ich es: Ich habe es geschafft, ich bin mit dem Rad über die Alpen gefahren. Ein bisschen wehmütig bin ich schon, dass es jetzt vorbei ist. Es war eine tolle Erfahrung, die mir alles abverlangt hat. Es gab viele Höhen und Tiefen, nicht nur geografisch. Innerlich plane ich schon meine nächste Tour. Vielleicht an den Gardasee mit dem Mountainbike? Oder gleich ganz durch an die Adria?

Als ich mich auf den Stuhl fallen lasse und vor Schmerzen im Hintern gleich wieder in die Höhe schieße beschließe ich allerdings: Einmal im Jahr reicht, es soll ja was besonderes bleiben.

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