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Stingray City: Ein Tag voll Angst und Verzücken

Pure Angst erfasst sie, als ihr Körper ins warme Wasser der Karibik gleitet. Dunkle Flecken der Größe von Autoreifen schwimmen geradewegs auf sie zu. Ganz langsam will sie ihre Füße über den sandigen Boden schieben. Aus Sicherheitsgründen, wie ihr der Kapitän vorab erklärte. Nur kann sie den Meeresboden nicht berühren. Sie zappelt. Wie ein Hund im tiefen Wasser. Dabei will sie nur eins: Nicht in einen dieser Stachel treten, die ein paar Jahre zuvor ein prominentes Todesopfer forderten.

Der Motor des Schiffes hinter ihr heult auf. „Weg vom Anker“, ruft der Kapitän der Blondine im Wasser zu. „Wir setzen das Boot um.“ Nun bietet auch die Ankerleine keinen Halt mehr. Etwas Glitschiges streift ihren rechten Arm. „Zappel nicht rum“, ermahnt der Jamaikaner. „Schwimm einfach zu den anderen rüber.“

Hektisch paddelt sich die 31-jährige Daniela zu der Gruppe von mehreren Dutzend Menschen rüber, die relaxed mitten in Stingray City steht  – den berühmten Sandbänken vor den Cayman Islands. Alter, Geschlecht und Aussehen sind sehr verschieden. Der Grund für ihr Kommen jedoch gleich: Sie alle wollen hier bis zu zwei Meter große Stachelrochen beobachten. Und anfassen. Gefährlich ist dies nur, wenn man einen Fehler macht. So zum Beispiel im Fall von Steve Irvin, auch bekannt als „Crocodile Hunter" aus der gleichnamigen TV-Serie.

„Es war außergewöhnliches Pech“

2006 verstarb der Tierfilmer am Great Barrier Reef an den Folgen eines Stachelrochenstiches – mitten durchs Herz. Medien aus aller Welt schlachteten diesen Todesfall reißerisch aus und publizierten Schlagzeilen wie „Vom Rochen erstochen" und „Rochen tötet Crocodile Hunter". Wer etwas genauer recherchiert, findet jedoch heraus, dass Irvins Tod ein Unfall war.

Hierzu kam es während der Dreharbeiten zu Irvins neuestem Film „Ocean's Deadliest". Für die Aufnahmen schwamm der gebürtige Australier neben weißen Haien, kuschelte mit giftigen Wasserschlangen und beobachtete Rochen. Aus nicht geklärten Gründen schnellte der Schwanz des Fisches plötzlich hoch, als er sich über den Rochen herüberbeugte. Gerüchten zufolge soll Irving nur nach vorne gefallen sein. Direkt auf den Stachel. Hätte der Rochen seinen Arm getroffen, wäre Irvin mit einer Fleischwunde davon gekommen. Der Stich ging jedoch mitten durchs Herz. Als Todesursache gaben Ärzte Herzstillstand an.

„Es war außergewöhnliches Pech“, erklärte der Neurologe Shaun Collin von der Universität Queensland der Nachrichtenagentur AP.  „Es ist nicht leicht, von einem Stachelrochen getroffen zu werden, und sehr selten stirbt jemand daran."

„Gefährlich sind die Tiere nur von hinten

Dennoch: Auch Jahre später sind die Nachrichten dieses prominenten Todesfalls bei Daniela noch sehr präsent. Erneut wirft der Kapitän den Anker aus. An einer deutlich flacheren Stelle. Als Daniela auf der Sandbank ankommt, springen weitere Touristen ins türkisfarbene Wasser, das den meisten bis über den Bauchnabel reicht. Ob alt oder jung – sie alle blicken mit kindlicher Vorfreude und Angst auf die mehrere Dutzend Stachelrochen, die zur selben Gattung wie Haie gehören. 

Als der Kapitän das Boot verankert hat, springt er ins Wasser, schwimmt in die Mitte seiner Gruppe und zückt ein Messer aus seiner Badeshorts. Schneller als Tim Mälzer filetiert er einen Fisch, bis er die Größe eines Fischstäbchens hat. Die Sonnenstrahlen reflektieren auf der silberfarbenen Klinge. Nachdem der Kapitän sein Messer wieder in der Hosentasche verschwinden lässt, streckt er seine Hand ins Wasser – den Köder zur Hälfte in einer Faust verschlossen. Sekunden später schwimmt ein Rochen direkt auf ihn zu. Er öffnet sein Maul. Und verschlingt den filetierten Fisch. Die Hand des grinsenden Kapitäns jedoch nicht.

Ganz langsam schiebt er seine Arme unter die Flossen des über einen Meter breiten Rochens. Er blickt das Tier direkt an. Seine Augen funkeln, als er den Rochen unter den Flossen hochhebt und ihm einen Kuss aufs Maul gibt. „Gefährlich sind die Tiere nur von hinten", sagt er. Dort befindet sich der spitze Stachel, der mit seinen Widerhaken tiefe Fleischwunden verursachen kann. „Aber solange sich die Tiere nicht bedroht fühlen, kommt der Stachel nicht zum Einsatz.“ Demonstrativ senkt er den Rochen wieder ab, dreht ihn sanft um 180 Grad herum und hält seinen Schwanz in die Höhe. Dann führt er den Giftstachel in seinen Mund und schließt ihn. Er grinst.

„Wenn du ihn anfasst, verletzt er dich“

Daniela atmet hörbar aus. Ihre Muskeln entspannen sich. Langsam senkt sie eine Hand ins Wasser - die Augen noch immer weit geöffnet. Da ergreift der Kapitän ihre Hand und zieht sie zu sich heran. Behutsam legt er ihre Hand auf den Rochen, der fast reglos vor seiner Brust schwimmt. An der Oberfläche fühlt er sich rau an. Glitschig an den Seiten. Ganz langsam schiebt er ihre Arme seitlich unter den Fisch. So wie er es gemacht hat. „Und nun gib ihm auch einen Kuss“, sagt er. Klick, macht die Kamera, die eine Frau auf Daniela gerichtet hält. Der Kuss ist festgehalten. Und mit ihm auch das Strahlen in ihren Augen.

Nachdem der Kapitän wieder an Bord seiner Yacht geklettert ist, genießt seine Gruppe noch immer vom Wasser aus den Anblick der imposanten Tiere. Bis plötzlich unter der Wasseroberfläche ein neuer Schatten auftaucht. Ein größerer. Dann eine Rückenflosse. Die Gruppe hält erneut den Atem an, bis sie erkennt, dass es sich bei der Flosse um einen Delphin handelt. „Haltet bitte Abstand von dem Tier“, ruft der Kapitän vom Boot aus dem Mann zu, der gerade die Hände nach dem Tier ausstreckt. „Wenn du ihn anfasst, verletzt er dich“.

Ganz langsam schwimmt das anmutige Tier an dem Mann vorbei, der immer wieder versucht ist, es zu berühren. Doch der wachsame Blick des Rochen-Küssers lässt ihn nicht aus den Augen. Seine Köperhaltung ist angespannt, ganz anders als im Wasser bei den von Medien verdammten Rochen mit dem tödlichen Ruf. Auf die Frage warum er so besorgt ist, erklärt er, dass der Delphin nicht handzahm sei. Und Flipper hieße er auch nicht. „Wenn ihn jemand berührt, fühlt er sich bedroht und greift an.“

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Ein Tipp zu
Gesa

Travelzoo, Hamburg
Mittwoch, 21. August 2013
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Gesa Rathke